Donnerstag, 25. April 2013

Dr.Herbert Zwiauer - eine Erinnerung


Vor etwa zwei Jahren wurde der bedeutende österreichische Papiertheatersammler Dr.Herbert Zwiauer "auf die ewige Papiertheaterbühne" abberufen. Ich habe damals versucht ein lebendiges Bild über diesen Mann zu skizzieren, der wesentlich dazu beigetragen hat, mich für das Thema Papiertheater zu interessieren.


Es begann vor etwa 25 Jahren.  Zur Freude meiner damaligen Arbeitskollegen erklärte ich mich bereit, nach der Idee  einer barocken Guckkastenbühne, Ähnliches als Geburtstagsgeschenk für unseren Chef herzustellen und auf die Gesichter der Figuren die Fotografien all unserer Kollegen zu montieren.  Zu meiner großen Überraschung erhielt ich vom Mann einer Kollegin Kopien der Figuren und Kulissen des Stückes  “Die Großherzogin von Geroldstein“. Dieser Mann war Dr. Herbert Zwiauer. Er legte damit den Grundstein für mein Papiertheaterinteresse.
 
„Wissen Sie“, erzählte er mir bei einem unserer Treffen im Kaffeehaus, „die Papiertheaterleidenschaft hat bei mir schon als kleiner Bub begonnen. Mein Bruder und ich zogen den Lampenschirm in der elterlichen Küche ganz tief über den Küchentisch. Für mich versank die Welt, wenn mein größerer Bruder mit den Papiertheaterfiguren die verschiedensten Stücke vorspielte. So lernte ich als Kind schon viel Theaterliteratur spielend kennen.“  Das war ja auch noch in einer Zeit, in welcher man zum „Trentsensky“ auf dem Stephansplatz, neben dem „Deutschen Haus“ gehen konnte, um sich dort mit den neuesten „Mand’lbogen“  (so nannte man damals in Wien die Papiertheaterbogen) zu versorgen.
Wer das Zwiauer’sche Zauberreich einmal besuchen durfte, weiß, dass in der Sammlung von Dr. Herbert Zwiauer wahrscheinlich nichts fehlt, was dem Thema Papiertheater zuzuordnen ist. Die Akribische Ordnung  und genau archivierte und katalogisierte Sammelstücke ermöglichten es, dass der Herrscher über diese Sammlung alles auf den ersten Griff fand.  „Ich habe fast alle meine Figuren und Kulissen ausgearbeitet, man könnte eigentlich sofort damit eine Aufführung  beginnen“, meinte der  stets bescheidene Sammler einmal zu mir. Selbst inszenierte Dr. Zwiauer mit den vielen Bühnen und Dekorationen aber nie, obwohl er viele berühmte Theatermonologe und Balladen auswendig zu rezitieren wußte.  Es war die wissenschaftliche Arbeit mit dem Thema Papiertheater, die Dr. Zwiauer  faszinierte. Sein hohes Wissen hat er in dem Buch Papiertheater, Bühnenwelt en Miniature, Wien 1987, als Standardwerk für die Nachwelt festgehalten. Einmal erzählte er mir und kam dabei ins Schwärmen: „Ich bin mit den meisten Sammlern in Europa in Kontakt und wir tauschen auch heute noch fleißig aus.  Die schönsten Momente waren für mich, in Preetz wieder einmal alle diese Freunde zu begrüßen zu dürfen!“.  Und immer wenn einer dieser Sammler nach Wien kam, besuchte man ihn, holte sich Rat und tauschte sich aus.

Engelsgeduld brachte seine große Liebe, die nun schon seit vielen Jahren verstorbene, Frau Ulla auf. Sie unterstütze ihren Mann bei seiner Sammlertätigkeit mit all ihrer Kraft.  Auch als Herbert Zwiauer im Jahre 1985 seine Leihgaben für die große Papiertheaterausstellung im Wiener Volkskundemuseum vorbereitet. „In diesen Tagen war  die ganze Wohnung Bühne!“ erzählte der alte Herr ganz gern. Bei dieser Ausstellung wurde das Stück aus seiner Sammlung „In 80 Tagen um die Welt“ als Multimediaschau aufgeführt , wobei der Fotograf die Szene ausschließlich mit Kerzenlicht beleuchtete, „dessen Folgen man leider heute noch schmerzlich bemerkt“ erinnerte sich dabei mein Papiertheatermentor schmerzlich.
Im Hause Zwiauer war es alle Jahre zur Weihnachtszeit unverrückbare Tradition, im kleinen Wohnzimmer in der Josefstadt unter dem Weihnachtsbaum einen Krippenberg aufzubauen, auf dem die schönsten Stücke aus der Zwiauer‘schen Sammlung zu einer großen Weihnachtspapierkrippe aufgestellt wurden, um davor von den Kindheitstagen zu träumen. Kindheitstage, die dann jäh von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs beendet wurden. Herbert Zwiauer wurde zu den Waffen gerufen und wurde schließlich Panzeroffizier.

Nach dem Kriegsende  studierte Herbert Zwiauer Anthropologie. Als wissenschaftlcher Assistent führten  ihn seine Forschungen schließlich nach Amerika. Dr.Zwiauer erzählte mir einmal, daß er sich leidenschaftlich mit den urgeschichtlichen Entwicklungen der Inuit auseinandersetzte.
Unglückliche Umstände führten dazu, daß er seine Studien in den USA abbrechen und nach Österreich zurückkehren mußte. Da mit dem „Orchideenstudium“ Anthropologie offenbar schwer eine Anstellung zu finden war, entschloß sich Herbert Zwiauer eine ihm angebotene Offizierslaufbahn beim Österreichischen Bundesheer anzunehmen, welche er als Oberst ehrenvoll beendete.

Daß seit 2002  die Papiertheaterleidenschaft in mein Leben eingezogen ist und mir und durch mich vielen, vielen Menschen unbeschwerte Freude und viele schönen Stunden geschenkt wurden, verdanke ich  zum großen Teil Herbert Zwiauer.  Er war es, der durch sein Tun die Initialzündung bei mir ausgelöst hat und er war es, der mir den Weg zu Pollock in London und zu Dirk Reimers in Preetz  gezeigt hat und er war es der mir das Papiertheaterforum vorgestellt hat. Wie reizvoll und wertvoll war es, wenn wir im Kaffehaus – wo denn sonst in Wien! – über neue Pläne gesprochen haben und ich von diesem interessanten Mann historisches Wissen geschenkt bekam.  Wie sehr freute es ihn, wenn ich ihm von den Momenten erzähle, in denen ich die Idee des Papiertheaters an junge Menschen weitergeben konnte und die das dann auch aufgegriffen haben.  
Als kleines Dankeschön an den Dr.Zwiauer baute ich eine allerkleinste Papiertheaterbühne mit einer Szene aus der Puppenfee. Mittendrin stellte ich eine Figur mit dem Porträt des Verstorbenen.


 
Mit der Erlaubnis seiner Hinterbliebenen durfte dieses Bühnchen auf seine ewige Reise mitgegeben werden.

 

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